Half-Life: Blue Shift • Black Mesa als Wachmann erleben

In der zweiten Half-Life-Episode Blue Shift wird der Spieler erneut mit den mysteriösen Vorkommnissen in Black Mesa konfrontiert. Allerdings aus der Perspektive eines Wachmanns. Wie ist das Erlebnis nach 20 Jahren?


Die Vorderseite der Packung der deutschen Version

Half-Life ist im Spätherbst 1998 eingeschlagen wie eine Bombe. So ein intensives Spielerlebnis hat die Gaming-Welt bis dato noch nicht erlebt. In der Rolle des Physikers Gordon Freeman kämpft man in der Forschungseinrichtung Black Mesa gegen die Aliens, die sich über ein Dimensionsportal Zutritt zur Erde geschaffen haben. Doch nicht nur die haben es auf alle Mitarbeiter abgesehen, sondern auch die Marines, die alles Lebendige beseitigen sollen.

In der Episode Half-Life: Blue Shift aus dem Jahr 2001 schlüpft der Spieler in die Rolle des Wachmanns Barney Calhoun und begegnet denselben Geschehnissen in Black Mesa. Auch er muss sich mit plötzlich auftauchenden Aliens und Marines mit Todesaufträgen rumschlagen. Ihm fehlen allerdings im Gegensatz zum Protagonisten aus dem Hauptspiel ein paar Fähigkeiten. Aber die andere Perspektive erlaubt einem die Erforschung „bisher versperrte[r] Bereiche, zu denen selbst Gordon Freeman keinen Zutritt hatte […]“, so sagt es jedenfalls die Rückseite der deutschen Verpackung.

Barney erlebt den typischen Montag

Der Sicherheitsbeamte Barney Calhoun hat sich einen ziemlich schlechten Tag ausgesucht, um zur Arbeit zu erscheinen, denn die Anlage streikt. Die Forscher beklagen sich über erschwerte Zugriffe zu ihren Daten und selbst Calhoun wird der Zugang zu seinen Arbeitsmaterialien nicht gerade einfach gemacht. In einem Fahrstuhl mit zwei Wissenschaftlern angelangt bricht plötzlich Chaos aus. Aliens greifen die Anlage an. Mit Schutzausrüstung und Bewaffnung wird der Sache auf den Grund gegangen.

Aus der Perspektive von Barney Calhoun bekommt man direkt was von dem gescheiterten Experiment mit, in das Gordon Freeman im Originalspiel involviert war. Im Gegensatz zu ihm stehen uns schon seit dem Arbeitsantritt eine kleine Pistole als Waffe bereit, erst ein wenig später gibt es für den Nahkampf die Brechstange, die aber auch dazu verwendet werden kann, Kisten zu zerbrechen. Denn in diesen könnten sich nützliche Gegenstände wie Munition oder Healthpacks befinden. Natürlich unter der Voraussetzung, dass es auch wirklich Holzkisten und keine Stahlkisten in Holzoptik sind, die im Spiel zuhauf vorhanden sind.

Sonst bedient sich Blue Shift demselben Waffenportfolio wie das Originalspiel. All die Waffen, die man im drei Jahre zuvor erschienenen Half-Life hatte, hat man hier ebenfalls. Die HUD ist dieses Mal blau statt orange, genauso wie die Aufmachung des Spiels. Lediglich beim Schutzanzug hat der Protagonist eine kleine Einschränkung: Er kann nur die Schutzkleidung von toten Kollegen aufsammeln, die ihm im Laufe des Spiels begegnen. Zwar trifft man auf die Heilungsstationen, die H.E.V.-Stationen kann Barney Calhoun aber nicht nutzen. Das macht das Spiel – zumindest in der Theorie – ein klein wenig schwieriger.

Alle gegen einen

Auch in diesem Teil bleibt die Action und die Taktik nicht aus. Hin und wieder müssen Plattformen verschoben oder bestimmte Wege vorgenommen werden, um voranzukommen. Etwa müssen Benzinfässer zum Explodieren gebracht werden, um eine Tür aufzubrechen. Oder es müssen Fässer so verschoben werden, dass nach einer Flutung des Gebiets eine Art Brücke entsteht. Manches muss dabei mit dem sogenannten „Crouch Jump“ erledigt werden, der einem dazu verhilft, selbst höher gelegene Ebenen zu erreichen. Dieser ist ein wenig mühsam in der Ausführung, aber mit etwas Übung eine praktische Sache.

Barney Calhoun muss sich im Spiel mit verschiedenen Aliens auf Konfrontationskurs begeben. Einige – wie etwa die ganz kleinen fast schon knuffig wirkenden Headcraps – lassen sich mit etwas Geschick mit der Brechstange töten, andere – wie etwa die großen liegenden Bullsquids – lassen sich eher mit einer starken Waffe erledigen. Mit den allermeisten Begegnungen rechnet man nicht, da sie sich auditiv nicht wirklich bemerkbar machen. Einige tauchen aus dem Nichts auf und bringen einen in eine Zwickmühle, sofern man nicht schnell eine Waffe gezückt hat, die man entweder mit einer Zahl und einer Bestätigung mit der ENTER-Taste ausgewählt hat oder mit dem Scrollrad an der Maus diese ausgewählt hat. 2001 waren Mausräder noch nicht unbedingt Standard.

Im Laufe des Spiels muss unser Protagonist einen Dr. Rosenberg aufsuchen, der laut eines sterbenden Wissenschaftlers einen Fluchtplan ausgetüftelt hat. Um zu ihm zu gelangen, kämpft man sich nicht nur durch eine schiere Menge an Aliens, sondern auch an Marine-Soldaten, für die jedes Lebewesen in Black Mesa zum Feind mutiert ist. Die Soldaten sind in der „normalen“ Version menschlich, in der vorliegenden deutschen Version sind es Roboter, die allerdings dieselben Funksprüche von sich geben. Es ist eine halbwegs sinnvoll gelöste Umgehung einer Verkaufsbehinderung.

Dank Dr. Rosenberg erfährt man von Experimenten mit Teleportern, die aber bisher nur in die Ursprungswelt der Aliens führt: Xen. Genau wie Gordon Freeman darf sich Barney Calhoun auf dieser obskuren Welt „vergnügen“, die über eine geringere Gravitation und seltsame Sprungschanzen verfügt. Hier lässt sich die Gesundheit mithilfe von kleinen hell leuchtenden Wasserbecken verbessern. In Xen erwarten einen viele Wegpfade und bodenlose Tiefen, die Barney schnell in den Tod reißen können. Selbst plötzliche Erscheinungen von Aliens können ein frühes und unerwartetes Lebensende bedeuten, welches sich aber mit der praktischen Schnellspeicher-Funktion wieder rückgängig machen lässt. Vorausgesetzt, man hat an einer harmlosen Stelle gespeichert.

Schöne hohe Definition

Links eine Spielszene mit High Definition Pack, rechts eine Spielszene ohne. Der Unterschied macht sich an der Krawatte besonders bemerkbar.
(Quelle vom Screenshot rechts: „Half-Life Blue Shift #005 [LP] – Liebesgrüße vom Militär“ vom YouTube-Kanal kepu94)

Bisher gab es in diesem Text recht wenig Vergleiche zur ersten Half-Life-Episode Opposing Force, die zu dem Zeitpunkt bereits zwei Jahre alt war. Da man hier mit Corporal Adrian Shepard ein Mitglied der Marines – also quasi einen der Feinde von Gordon Freeman und Barney Calhoun – spielt, sind da kaum Vergleiche möglich, zumal die zusätzlichen Fähigkeiten wie an Seilen hochklettern oder Befehle an Teammitglieder erteilen dem Protagonisten von Blue Shift erspart bleiben.

Half-Life: Blue Shift kann eigenständig installiert werden und benötigt damit keine bestehende Installation des Hauptspiels. Jedoch kommt das Spiel mit einem High Definition Pack, welches die Texturen der Waffen und Charaktere verbessert, nicht aber die der Umgebung. Zumal diese Option laut Anleitung einen in der Zeit ziemlich starken Rechner vorausgesetzt hat. Zumindest zwang das beim Test zusätzlich installierte High Definition Pack das Testsystem keineswegs in die Knie, es lief sogar überwiegend flüssig und nur an ganz wenigen Stellen brach die Framerate minimal ein. Von den hochauflösenden Texturen profitieren auch die anderen beiden Half-Life-Titel, sofern sie auf dem Rechner installiert sind, denn in Blue Shift kann man sich dank der recht kurzen Spielzeit von knapp drei Stunden nicht wirklich lange daran satt sehen.

Großartige technische Patzer leistete sich das Spiel während des Tests nicht. Lediglich zu Beginn wollten sowohl die EAX-Effekte als auch die D3D-Beschleunigung für den Sound nicht zuverlässig funktionieren, was sich aber nach einer Deaktivierung der D3D-Beschleunigung lösen ließ. Sonst gab es – wenn auch selten – den typischen Bug der alten Half-Life-Titel, die die Spielfigur gerne mal in irgendeiner Ecke feststecken ließ.

Die blaue Schicht war doch nicht so lang

Selbst mit der kurzen Spieldauer bekommen Spieler von Half-Life: Blue Shift ein tolles Action-Abenteuer im Black-Mesa-Forschungsinstitut serviert. Das Gameplay ist hervorragend flott, die Steuerung schnell kapiert und die Rätsel fordern ein wenig Köpfchen, aber nicht unbedingt Kopfzerbrechen. Das Spiel zeigt, dass selbst der anfangs panisch wirkende Wachmann Barney Calhoun, an dem man als Gordon Freeman im drei Jahre älteren Hauptspiel zu Beginn vorbeifährt, eine ähnlich spannende Action erleben kann, die aber bei drei Stunden Spielzeit eher für zwischendurch als für einen langen Spieleabend geeignet sein wird.


Testystem

Betriebssystem:Microsoft Windows Millenium Edition
Prozessor:AMD Athlon 1000
Grafikkarte:3dfx Voodoo5 5500
Soundkarte:Creative SoundBlaster Live! X Gamer CT4760
Festplatte:Western Digital WDC WD400BB 40 GB
Arbeitsspeicher:384 MB SDRAM

Daten zum Spiel

Titel:Half-Life: Blue Shift
Erscheinungsdatum:15. Juni 2001
Entwickler:Gearbox Software
Publisher:Sierra On-Line
System:Linux, Macintosh, Windows

Kevin Puschak

Er schreibt seit 2017 über Videospiele, betreibt einen YouTube-Kanal für alte Software und Hardware, sammelt Technik und Spiele und spricht als Co-Moderator bei QUICK-LOAD. Kontaktiere ihn per Mail unter kevin.puschak@quick-save.de.

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