Autobahn Raser IV • Eine Vierschwendung im Straßenverkehr

Das Rennspiel mit deutschen Schauplätzen ging heute vor zwanzig Jahren in die vierte Runde. Mit neuer Grafik und einem Mehrspielermodus wollte man punkten. Klappt das?


Die Vorderseite der Packung der Erstauflage

2002. Die Autobahn-Raser-Reihe existiert seit 1998 und schon seit dem ersten Teil waren die Meinungen von Fachpresse und Spielern gespalten. Klar, wenn man durch bekannte Städte virtuelle Rennen fährt, ist das eine feine Sache, jedoch scheiterte es bisher immer an der Umsetzung. Im November erschien der vierte Teil, der nicht nur „Innenstadtrallys [durch] Berlin, München und Hamburg“ verspricht, sondern noch mit „Top-Grafik-Technologie“ und „100 % Spiel-Spaß“ weiterhin die Gunst der Spieler erreichen möchte.

Davilex bleibt den Charaktermodellen treu und spendiert dem vierten Teil fünf Figuren mit ihren jeweiligen Fahrzeugen, die wegen fehlender Lizenzen den real existierenden Modellen nachempfunden sind. Erstmals in der Geschichte dieser Reihe ist ein Mehrspielermodus dabei, in dem sich zwei Spieler in einem Rennen oder in einer Verfolgungsjagd duellieren können. Als kleines Goodie liegt der Erstauflage ein Sticker bei, der die Hingabe zum Spiel ausdrücken soll. Klingt fast nach einer Sternstunde für Davilex, aber ist das wirklich so?

Warmer Asphalt

Im Intro liefern sich die fünf Charaktere, deren Namen und Wohnorte gezeigt werden, eine Schlammschlacht mit der Polizei in einer Art Berlin, bei dem die Quadriga auf dem Brandenburger Tor fehlt. Im blau angehauchten Hauptmenü, welches nun per Tastatur bedient wird, kann sich der Spieler in den fünf Spielmodi, den Optionen oder der Highscore-Liste austoben. Die drei Einzelspieler-Modi sind Einzelrennen, Wettkampf und Zeitfahren, die zwei Mehrspieler-Modi sind Duell und Verfolgung.

Im Einzelrennen und im Zeitfahren können freigeschaltete Items aus den Kategorien Charakter samt Fahrzeug und Strecke ausgewählt werden. Anschließend können Renneinstellungen wie Tuning, Runden und Schaden aktiviert werden. Im Einzelrennen können noch Verkehr und Polizei aktiviert werden, im Zeitfahren wiederum ein Schattenwagen. Weitere Items können im Wettkampfmodus erspielt werden.

Duell und Verfolgung konnten mangels zweiten auffindbaren Spielers nicht vernünftig getestet werden, hier gibt es nämlich die Option „Aufholjagd“ und diese bewirkt eine Aufholmöglichkeit für den schwächeren Fahrer. Bei der Verfolgung geht es darum, das zivile Fahrzeug innerhalb einer bestimmten Zeitvorgabe durch Rammer zu zerstören. Das erklärt auch, warum man gerade in diesem Modus den Schaden weder aktivieren noch deaktivieren kann.

Der Wettkampf stellt die Meisterschaft dar. Mit einem Fahrzeug durchquert man die ganzen Partien. Es gibt ein Punktesystem und für Aufrüstungen Geld, welches auch während des Rennens in Form von verschiedenfarbigen Eurosymbolen aufgesammelt werden kann. Für die Bronzemedaille geht es in drei Rennen von Berlin nach München, für die Silbermedaille quer durch die deutschen Strecken in sechs Rennen und für die Goldmedaille durch verschiedene Länder in elf Rennen.

Ohne Regeln gnadenlos Spiele machen

Die Rennen beginnen mit einer kleinen Kamerafahrt rund um das eigene Spielerfahrzeug. Nach einem Countdown geht es dann ab in den Kampf um den ersten Platz. Wie es sich für ein Autobahn Raser gehört, sind die Partien illegal, dennoch ist es immer fraglich, warum bei all der Illegalität eine sehr auffällige Start-/Zielplattform aufgestellt wurde. Und dafür, dass es durch nicht gerade kleine Städte geht – schließlich beginnt der Wettkampf in der größten Stadt Deutschlands – ist es gähnend leer. Hier und da rattern ein paar Züge durch die Gegend, aber keine Menschenseele und viel zu wenig Verkehr sind zu sehen. Als hätte man das Fahrverbot wieder eingeführt.

Da wirken die Straßensperren, die die Polizei im Verlauf der Strecken angelegt hat, schon ziemlich eigenartig. Die darf absolut nicht fehlen, selbst wenn sie in diesem Teil erstaunlich zimperlich wirkt. Gerade im dritten Teil war sie aggressiver denn je. Und nun ist sie absolut schüchtern und versucht vielleicht mal, den Spieler von der Strecke zu drängen. Viel mehr passiert allerdings auch nicht. Zumal diese in jeder Stadt die amerikanische Sirene ertönen lässt.

Während des Geschehens können Gegenstände umgefahren werden, die im Normalfall eigentlich gar nicht so einfach umzufahren sind. Ganze Straßenlampen können ohne jeglichen Geschwindigkeitsverlust vom Boden gerissen werden. Kollisionen mit den spärlich vorhandenen Verkehrsfahrzeugen bestraft das Spiel mit einer Zeitlupe und einer verwirrenden Unfallphysik. Wenn selbst ein wesentlich schwererer Kleintransporter jede Menge Saltos vollzieht, wirkt das ziemlich eigenartig.

Überall verteilt sind Symbole. Im Wettkampf können Eurosymbole eingesammelt werden, um das Konto zu füllen. Grüne Schraubenschlüssel reparieren den entstandenen Schaden und blaue Pfeile tanken den Nitrospritstoff auf. Das Nitro bewirkt nur vom Stillstand aus eine kräftige Beschleunigung, bei Vollgas erhöht sich die Höchstgeschwindigkeit um lediglich 5 km/h. Fünf. Das ist absolut lächerlich.

Legal, illegal, scheißegal!

Die Stadtrallyes existieren in zwei Varianten. Eine vorwärts, die andere rückwärts. Um den Unterschied nicht direkt zu merken, wurden die Starts an andere Stellen platziert. Manchmal werden die Rennen zu unterschiedlichen Tageszeiten veranstaltet. Und dass man gerade durch Berlin, München oder Hamburg fährt, bemerkt man nicht unbedingt am Streckenverlauf, sondern mehr an den Sehenswürdigkeiten, die einen im Laufe des Rennens angrinsen.

Die Fahrphysik ist weiterhin sehr abenteuerlich gestaltet. Beim starken Einlenken neigt der Wagen zum Kippen und manche plötzliche Steuerungen bedürfen starke Lenkkorrekturen. Das wird mit dem Tuning nicht unbedingt besser, welches nur Höchstgeschwindigkeit und Beschleunigung verbessert. Apropos Geschwindigkeit: die über 250 Sachen fühlen sich eher an wie 70. Die KI ist nach wie vor dämlich und selbst bei hohen Schwierigkeitsgraden einfach zu besiegen, sofern man nicht selber so viele Unfälle baut wie sie.

Besonders erwähnen muss man die Musik. Davilex hatte sich überlegt, eine Art Parodie eines Radiosenders zu machen, der eine Mischung aus Pop- und Jugendradio darstellt. Vollgepackt mit billigen Scooter-Abklatsch, geringer Musikauswahl und einer selten-dämlichen Moderation, die sogar mitten in der Musik allgemeine Informationen rausgibt. „Radio Switch FM“ soll sich der Sender schimpfen und sendet mit dem selben Moderator in jeder Stadt, in der der Spieler fahren darf. Nur die Städte London, Paris und Las Vegas bieten andere Sender. Las Vegas ist die letzte freischaltbare Stadt, die aus dem Davilex-Titel USA Raser eins zu eins übernommen wurde.

Interessant anzusehen ist das Schadensmodell. Jetzt gibt es nämlich Verformungen in der Karosserie. Bei einer stärkeren Beschädigung fängt der Wagen an zu brennen, diese Logik kennt man noch von älteren Grand-Theft-Auto-Teilen. Ein ebenfalls nettes Detail sind die sichtbaren Fahrer:innen. Sie bewegen das Lenkrad und schauen nach hinten, wenn sie rückwärts fahren.

Schon vor dem Start eine Panne

Optisch kann sich Autobahn Raser IV für einen Teil dieser Reihe durchaus sehen lassen. Die Grafik ist zwar nicht der Oberhammer für das Erscheinungsjahr, aber sie zählt nicht zu den schlechtesten. Da sah W.A.R. Soldiers aus dem selben Jahr schlimmer aus. Zumal es fahrende Züge und Leuchtreklame gibt. Akustisch klingen die Fahrzeuge nicht sonderlich toll, aber sie besitzen immerhin unterschiedliche Motorensounds. Ein paar Umgebungsgeräusche bringen ein wenig Aktivität neben der Fahrbahn.

Technisch ist das Spiel eine absolute Zicke. Die getestete Version startete nach fünf nicht aussagekräftigen Fehlermeldungen und selbst danach brauchte man eine Portion Glück, damit das Spiel bei Rennstart den Spieler nicht direkt zum Desktop statt ins Rennen katapultiert. Zumal die Performance unerklärlich stark schwankte. Einige Strecken machten keine Probleme, einige wiederum verursachten starke Ruckler. Dabei erfüllt das Testsystem problemlos die Systemvoraussetzungen.

Die Steuerung ist selbsterklärend, selbst wenn man mit der L-Taste hupen muss. Sanfte Lenkbewegungen sind allerdings fast unmöglich und führen fast immer zu unfreiwilligen Schleudergängen. Und sollte es doch mal vorkommen, dass man auf dem Dach landet oder sich in ein Gegnerfahrzeug verfranzt hat, genügt eine Rücksetzung mit der Enter-Taste, bei dem die Weiterfahrt wegen eines kurzen Flugs in der Luft ein wenig dauert.

Ein unfreiwillig ausgelöster Bug, der allerdings nicht wieder reproduziert werden konnte, war ein seltsames Verhalten im Zweispielermodus „Verfolgung“. Das Zivilfahrzeug, welches normalerweise zu Beginn rechts stehen sollte, stand in einem Spiel links. Das hat das Spiel so sehr verwirrt, dass das Zivilfahrzeug plötzlich wegflog und selbst beim Zurücksetzen keine Anstalten machte, „normal“ zu agieren. Abgesehen von den zahlreichen Macken der Version und des Verhaltens der KI sind keine weiteren Bugs im Testzeitraum aufgefallen.

Neu ist nicht immer besser

Jens – ein Journalist – ist im Gegensatz zum Spiel qualifiziert.

Die Autobahn-Raser-Teil hatte bei Kritikern schon immer für schlechte Laune gesorgt. Deutsche Schauplätze sind ein willkommenes Szenario in der Videospielwelt, doch da muss es für einen Tester auch bei der Umsetzung stimmen. Schon der dritte Teil driftete in eine absurde Richtung ab mit seiner übertrieben aggressiven Polizei und der chaotischen Fahrphysik. Mit dem vierten Teil scheint man sich ein wenig beruhigt zu haben…aber so, dass das Spiel zu einem „alten Sack“ verkommen ist.

Grafisch hat sich das Spiel rausgeputzt und ist damit einigermaßen konkurrenzfähig geworden. Klar gab es 2002 in der Konkurrenz hübschere Titel, der Versuch zählt. Mit Innenstadt-Rallyes und dann nur mit drei deutschen Großstädten – als Bonus gibt es noch London, Paris und Las Vegas – lockt man allerdings keinen hinter dem Ofen hervor. Bei dem „Verkehrsgetummel“ wirken sie alle wie eine Zombiesimulation ohne Apokalypse. Oder wie die Coronapandemie Anfang 2020.

Autobahn Raser, was ist nur aus dir geworden? Der Trashfaktor bei dir war erfrischend, doch nun bist du so langweilig geworden, dass selbst dein hübsches Aussehen das Ruder nicht reißen kann. Gelegenheitsspieler erfreuen sich an der kleinen Partie durch die tot wirkenden Großstädte und Profis wundern sich, warum sie nach knapp anderthalb Stunden beim höchsten Schwierigkeitsgrad die Meisterschaft vollziehen konnten. Maues Geschwindigkeitsgefühl, miese Fahrphysik, kaum Abwechslung und nervige Radioparodie… die Straßenwacht möge bitte diese mittelschwere Panne abschleppen.


Testsystem

Betriebssystem:Microsoft Windows XP Professional
Prozessor:AMD Athlon XP 3000+
Grafikkarte:MSI GeForce4 Ti4200-8X
Soundkarte:Creative SoundBlaster Audigy 2 Platinum SB0240
Festplatte:Samsung SP1614N 160 GB
Arbeitsspeicher:1 GB DDR-133

Daten zum Spiel

Titel:Autobahn Raser IV
Erscheinungsdatum:13. November 2002
Entwickler:Davilex Games
Publisher:Davilex Games
System:Windows, PlayStation 2
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comment 3 Kommentare
  • Udo Krawallo

    Kevin, dann wird es ja doch mal Zeit für „Autobahn Raser – Das Spiel zum Film“! Das scheint dann ja eine Art Resteverwertung von Teil 4 zu sein. Läuft sogar unter Windows 10, zwar nur mit Fensterbalken, aber dafür hast du ja sicher deine Retro-Rechner.

  • Sebastian

    Mich hat ja damals am meisten gestört, dass es in dem Teil außer den fünf Sekunden in München absolut keine AUTOBAHNEN gibt. Das fand ich im 2. Teil viel cooler, wo es eben auch reine Autobahnstrecken zwischen den Orten gab…

    • Kevin Puschak

      Davilex wollte sich da sicherlich damit rausreden, dass es Stadtautobahnen sind. Aber da hast du Recht, an echten Autobahnen mangelt es sehr. Fünf Sekunden Autobahn finde ich etwas übertrieben, so gut ist das Geschwindigkeitsgefühl nun auch wieder nicht. Sagen wir mal zehn. 😀

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