Alarm für Cobra 11: Nitro • Mit Lachgas im Einsatz

1996 feierte Alarm für Cobra 11 Premiere bei RTL. Zehn Jahre später gab es in ebenfalls eine Premiere: Synetic entwickelte das erste Spiel zur Actionserie. Wie spielt sich die Verbrecherjagd von den Machern von World Racing?


Die Vorderseite der Hülle der deutschen Version

“Zentrale an Cobra 11” – dieser Funkspruch war 25 Jahre lang nicht aus der deutschen Fernsehlandschaft wegzudenken. Zahlreiche Verbrechen hat das Team aus der erfolgreichen RTL-Actionserie dingfest gemacht, begleitet von halsbrecherischen Verfolgungsjagden und spektakulären, wenn auch völlig unrealistischen, Massenkarambolagen. Da staunte selbst Hollywood.

Am 2. November 2006 erschien von Synetic, einer Spieleschmiede aus Gütersloh, das Spiel Alarm für Cobra 11: Nitro. In diesem als “Action-Racer” bezeichneten Rennspiel werden Aufgaben wie das Erreichen von Checkpoints, das Zerstören von Fahrzeugen und das Stoppen von Flüchtigen in drei verschiedenen Szenarien absolviert. Natürlich in der Rolle der zu der Zeit aktiven Kriminalhauptkommissare Semir Gerkhan und Tom Kranich.

Ringelnatter 14: Vom Tellerwäscher zum Kriminalhauptkommissar

Die Karriere ist aufgeteilt in verschiedene Dienstgrade. Man beginnt als Kriminalkommissar und spielt sich bis zum Kriminalhauptkommissar der Besoldungsgruppe A12. Zu jedem Dienstgrad gibt es fünf Aufträge, das macht insgesamt 25 Aufträge, die es durchzuspielen gilt. Die ersten Aufträge sind dabei noch einigermaßen harmlos und beinhalten Fahrten von A nach B, bei denen man entweder als Erster am Zielort sein oder diesen unter Einhaltung eines Zeitlimits erreichen muss. Sei es einer Gruppe Halbstarker zu zeigen, dass man besser ist als sie, oder einen verletzten Krankenwagenfahrer zum nächsten Punkt im Einsatzwagen zu kutschieren.

Im Laufe der Zeit folgen Aufgaben, die es verlangen, bestimmte Punkte schnellstmöglich anzufahren oder Rowdys mit voller Gewalt aus dem Verkehr zu ziehen. Manchmal durch eine völlige Zerstörung seines Gefährts oder durch das sanfte Ausbremsen bestimmter Fahrzeuge, weil sie nicht bremsen können oder eine Bombe an Bord haben. Selbst das Steuern eines großen Kraftwagens gehören zum abwechslungsreichen Spektrum an Erledigungen des Karrieremodus.

Meistens wird das Steuer der Dienstfahrzeuge der beiden Kommissare übernommen, die mangels Lizenzen nur ihre Namen tragen, aber von außen erkennen lassen, um welches Modell es sich handelt. Einige Einsätze verlangen Polizeifahrzeuge, einige sogar PS-starke Sportwagen, andere wiederum Kastenwagen, LKW oder Busse. Die Dienstfahrzeuge verfügen über Blaulicht, die entweder mit Licht und Sirene oder – typisch für die Serie – nur mit Licht aktiviert werden können, auch wenn gerade in der Einstellung der Verkehr nicht wirklich darauf reagiert.

Viper 13: „Der Steuerzahler bedankt sich.“

Im Karrieremodus starten die Spiele in drei Szenarien. Es gibt eine lange Autobahn mit vier- bis sechsspurigen Ausbauten, einem Autobahnkreuz, einem Rastplatz und der Zentrale der Autobahnpolizei. Weil die Spuren außerordentlich breit sind, fährt der Verkehr gerne weit außen oder weit innen. Hupe oder Sirene sind hier eine halbwegs effektive Methode, um Platz zu schaffen. In manchen Missionen sind hier und da Baustellen anzutreffen, die allerdings sehr plötzlich erscheinen und für Verwirrung bei den Verkehrsfahrzeugen sorgen. Manchmal wird es notwendig sein, einen Geisterfahrer aufzuhalten.

Das Szenario der Innenstadt verfügt über eine mittelgroße Stadt mit Umgehungsstraßen und einer kleinen Autobahn. Hier wird gehört es zum Tagesgeschäft, bestimmte Punkte wie Bankfilialen anzufahren. Scheinbar haben die Macher sich einen Tag ausgesucht, wo die Müllabfuhr den Müll abholen soll, denn auf den Bürgersteigen stehen erstaunlich viele Müllsäcke und -tonnen herum. Was sicherlich Aktivität darstellen soll, wirkt ziemlich eigenartig: auf den ersten Blick sieht es so aus, als wären Menschen in der Stadt unterwegs. Dabei handelt es sich allerdings um Pappschilder.

Zu guter Letzt gibt es noch die Landstraße. Dieses Szenario ist eher ländlich geprägt, was sich durch sehr wenige Gebäude neben der Straße, einer kleinen Stadt mit einem Supermarkt, Waldstücken, Getreidefeldern und einem sehr kurzen Autobahnabschnitt, der zudem über suboptimale Auffahrmöglichkeiten verfügt, bemerkbar macht. Hier müssen ähnliche Aufträge wie auf der Autobahn absolviert werden.

Auf jeder Strecke fahren karg texturierte Verkehrsfahrzeuge herum, die man auch im normalen Straßenverkehr vorfinden würde. Dabei dürfen fiktive Firmen wie “RUMMS BENZIN” auf den Tanklastern oder Wohnanhänger an einigen Autos nicht fehlen. Die Einsatzfahrzeuge reagieren übrigens mit Sirene, sobald der Spieler irgendeinen Unfall mit einem der Verkehrsfahrzeuge gebaut hat. Erste Hilfe oder die Aufnahme des Unfalls leisten sie nicht. Immerhin reagiert die KI mit (Licht)hupe, sobald ihnen Spieler oder Gegner entgegenkommen.

Python 12: Kein Einsatz ohne Blechschäden

Das HUD ist übersichtlich gestaltet. Das Radar oben rechts zeigt die Straßen in der Umgebung an, die weiß markierte Straße ist die jeweils festgelegte Strecke. Orange dargestellt ist der Verkehr, rot dargestellt sind die Mitfahrer oder Gegner, das Spiel macht dabei keine Unterscheidung. Zwar bieten die fahrbaren Untersätze von außen sichtbare Innenräume, jedoch hat sich Synetic gegen eine richtige Innenraumperspektive entschieden. Und selbst wenn bei Einsätzen beide Kommissare erwähnt werden, sitzt immer nur eine Person im Dienstwagen, die darüber hinaus nicht mal annähernd so aussieht wie einer der beiden aus der Serie. Womöglich fehlten selbst dafür Lizenzen, geschweige denn Berechtigungen.

Die Steuerung der Vehikel ist schnell verinnerlicht und hinterlässt keinerlei offene Fragen. Selbst die Physik der Fahrzeugbeschädigung ist hier durchaus nett anzusehen, selbst wenn sie überwiegend aus stark wackelnden Teilen besteht. Dennoch können bei Zerstörungsmissionen sämtliche Teile auseinanderfallen. Das tut es auch, wenn man einmal nicht richtig aufpasst und mit Karacho in den Verkehr hinein rauscht. Genauso unrealistisch wie in der Serie explodiert die KI des Straßenverkehrs ab einer mittelschweren Kollision und das Wrack verrostet sehr schnell. Mit etwas Glück wird dieser Moment in einer Wiederholung aus Sicht einer TV-Kamera gezeigt. Und damit es wie aus der Serie wirkt, gibt es ein nicht ganz so schickes RTL-Logo obendrauf.

Jede Mission bietet vier Schwierigkeitsgrade, von leicht bis Nitro. Je höher der Schwierigkeitsgrad, desto strenger das Zeitlimit und desto schneller die Gegner. Nitro ist der höchste Schwierigkeitsgrad, die als einzige eine Nitroeinspritzung bietet, über die allerdings auch die Mitfahrer verfügen. Sind alle Einsätze erledigt, gibt es noch zwei Sonderaufträge mit dem einzig lizenzierten Auto im gesamten Spiel: einem Seat Leon. Doch für alle verfügbaren Fahrzeuge und Strecken reicht die Stufe “leicht” vollkommen.

Cobra 11: Ihr Revier ist (nicht nur) die Autobahn

Ausgerechnet die Missionen, in denen die fiesen Verbrecher vor uns flüchten, haben diese auf einmal kein Verlangen mehr danach, dies flott zu erledigen, sobald sich das Verkehrsgetümmel vor sie stellt oder der Spieler ihnen den Weg versperrt. So richtig abhauen können diese nur auf freier Bahn. Und es dauert schon eine Weile, um diese Herrschaften – sofern es vom Spiel so vorgesehen ist – aufzuhalten, denn einige sehr hart aussehende Rammversuche werden gerne als nicht kritisch gewertet. Noch dreister ist deren Möglichkeit, sich im Falle eines Falles zurücksetzen zu können. Das macht in einigen Situationen Sinn, aber so unrealistisch ist nicht einmal das Vorbild aus der Flimmerkiste.

Und die Flüchtigen flüchten ausgerechnet auf einer festgelegten Strecke. Das macht es für Gelegenheitsspieler simpel, diese zu verfolgen, allerdings ist das eine gewisse Art Vorhersehbarkeit, die man sich nicht unbedingt wünscht. An den Kurven werden große Pfeile dargestellt, die sich entsprechend der Geschwindigkeit des Spielers anpassen. Bei roten Pfeilen bestehen sehr schlechte Chancen, die Kurve noch zu bekommen. Das Spiel gibt zudem an einigen Stellen keine Chance, dank teils merkwürdig platzierten unsichtbaren Wänden den Streckenverlauf zu verlassen. So können unfreiwilligerweise Unbeteiligte weggeschoben werden.

Die ganze Action, die übrigens in nur einer einzigen Mission eine Aktionstaste für einen “Absprung” benötigt, ist bei einer normalen Spielrunde nach ca. anderthalb Stunden auch schon vorbei. Gönnt man sich noch die zwei kleinen Sondereinsätze, kommt man so auf ungefähr 100 Minuten Spielzeit. Kein wirklich langes Vergnügen – hätte man bei der Auswahl an Fahrzeugen noch einige spannende Aufträge kreieren können. Ob es diese Strecken überhaupt erlaubt hätten, das wissen wohl nur die Entwickler selbst.

Alarm für Cobra 11: Nitro lief auf dem Testsystem überwiegend flüssig, wenn auch nicht permanent im 60fps-Bereich. Bei einer Auflösung von 1024×768 Pixel und den höchstmöglichen Grafikeinstellungen, die im Übrigen außerhalb des Spiels eingestellt werden müssen, geht das durchaus in Ordnung. Da das Spiel allerdings vor der Veröffentlichung von Windows Vista rauskam, ist das Ausführen als Administrator zwingend notwendig, da es sonst keine Speichermöglichkeit gibt. So ist es jedenfalls in der mir vorliegenden Erstausgabe der Fall. Die einzige technische Macke, die im Verlauf des Spieltests vorkam, ist eine fehlgeschlagene Mission (Schaden eines Fahrzeugs zu hoch), die einfach weiterging. Ansonsten lief es durchgehend problemlos.

Steht der Spaß in der Schlange?

Mit über 100 und Lachgaseinspritzung durch die Ortschaft? Das wird teuer.

Ihr Revier ist überall. Ihr Tempo ist mörderisch. Ihre Gegner: komische KI, kurze Spielzeit und unrealistische Physik. Einsatz nur am Tage für die Männer von Cobra 11. Unsere Sicherheit ist der Job des Spielers. Aber keine Sorge, so grauenhaft wie meine Interpretation der Einleitungssequenz ist Alarm für Cobra 11: Nitro keineswegs. Synetic hat hier gut funktionierende Elemente aus ihren bisherigen nicht zu verachtenden Rennspielen genommen und eine funktionierende Synergie aus Rennen und Action kredenzt. Zu gerne möchte man die physikalisch unmöglichen Massenkarambolagen mit Explosionen auslösen, die allerdings in vielen Situationen eher unpassend wirken und den Spieltrieb stören könnten. Und möge das gute Spielvergnügen mit einigen Macken hier und da nur von kurzer Dauer sein: einsteigen lohnt sich.


Testsystem

Betriebssystem:Microsoft Windows Vista Home Premium SP1 32-bit
Prozessor:AMD Phenom X4 9600B
Grafikkarte:Gainward GeForce 9800 GT Green Edition
Soundkarte:Creative SoundBlaster X-Fi Xtreme Audio SB0820
Festplatte:Seagate ST3320613AS 320GB
Arbeitsspeicher:4GB DDR2-1066

Daten zum Spiel

Titel:Alarm für Cobra 11: Nitro
Erscheinungsdatum:2. November 2006
Entwickler:Synetic
Publisher:RTL Enterprises
System:Windows

Kevin Puschak

Er schreibt seit 2017 über Videospiele, betreibt einen YouTube-Kanal für alte Software und Hardware, sammelt Technik und Spiele und spricht als Co-Moderator bei QUICK-LOAD. Kontaktiere ihn per Mail unter kevin.puschak@quick-save.de.

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