Road Rash • Mit Händen und Füßen

Rauf auf den Sattel und auf geht die illegale Pokalschlacht durch dichte Städte und freie Landschaften: Road Rash gehörte vor 25 Jahren zu den mehr bekloppteren Rennspielen seiner Zeit. Wie fährt es sich heute?


Die Vorderseite der Packung der deutschen Version

Motorrad-Rennspiele sind definitiv die schwieriger zu meisternden Genres. Nicht nur muss sich das zweirädrige Gefährt in den Kurven stärker neigen als ein PKW, den Fahrer muss es bei einem Hindernis vom Sattel heben. Dann liegt es in der Obhut der Entwickler, wie es dem Fahrer nach einem Sturz gehen soll. In den meisten Fällen sind sie glücklicherweise quicklebendig und können sich problemlos ohne Blessuren zum Motorrad bewegen.

Mit Road Rash existiert seit 1991 eine Reihe, die von diesen Standards ein wenig abweicht. Mit dem eigenen Vehikel nimmt man an illegalen Straßenrennen teil. Diese können entweder auf die klassische Art und Weise oder auf die nicht ganz feine englische Art in Form von Tritten oder Schlägen gegenüber der Konkurrenz vollzogen werden. 1996 erschien die bisher einzige für den PC entwickelte Version, die einen Port von der zwei Jahre älteren 3DO-Version darstellt und sich grafisch deutlich von den Konsolenversionen absetzt.

Heiße Öfen und kalte Herzen

Als Begleitung wird der Spieler mit merkwürdigen und völlig abgedreht dargestellten Personen konfrontiert, die ein wenig die Abnormität des Titels belegen soll. Der Spieler kann sich zwischen zwei Spielmodi entscheiden: Wettkampf- und Spritztour-Modus. Im Wettkampf-Modus entscheidet man sich für einen der acht Charaktere mit unterschiedlichen Motorrädern, Startbudgets und Eigenschaften, mit denen man sich für die nächsten Ebenen der insgesamt fünf Strecken qualifizieren muss. Im Spritztour-Modus wird einem der Kauf neuer Motorräder und die Qualifikation für die nächsten Ebenen erspart, hier kann man zwischen den fünf möglichen Ebenen der Strecken springen – das dafür geeignete Motorrad gibt es denn direkt dazu.

Im Wettkampf-Modus ist es möglich, sich neue Motorräder zu holen. Diese sind in drei Kategorien unterteilt: Schrottmaschinen, Sportmaschinen und Heiße Öfen. Man kann sich ungefähr denken, welche davon die besseren sind. Anhand der Eigenschaften, die aus Begriffen wie “mörderisch” oder “abgefahren” bestehen, lässt sich allerdings nicht ganz klar herausleiten, ob das Wunschgefährt geeignet wäre. Man muss zudem nicht die volle Summe für das neue Gefährt blechen, denn es gibt noch ein wenig Rabatt aufgrund des Tauschs des eigenen Vehikels. Eine Garage oder Tuning wird man hier vermissen.

Das Feature des Stammtisches ist hier nicht ganz uninteressant. Hier lassen sich die Meinungen gegenüber dem Charakter von anderen Mitstreitern einholen, denn nicht alle sind direkt verfeindet mit diesem. Es sei denn, der Spieler provoziert diese, dann kippt die Stimmung gewaltig. Da können aus nett gemeinten Tipps schnell mal Todeswünsche werden. Die USK-Wertung “ab 16 Jahren geeignet” verwehrt den Tod der Fahrer und mit Knochenbrüchen ist nicht zu rechnen.

Zwei Fäuste und zwei Füße für ein Yeah

Fünf Strecken klingt erstmal nicht wirklich nach viel Abwechslung. Ein wenig davon wird insofern angeboten, wo man überall unterwegs sein wird. “Die Stadt” führt überwiegend durch Hauptstraßen von Großstädten, bei “Sierra Nevada” und “Napa Valley” durchquert man Landschaften und kleine Dörfer, bei “Pazifischer Highway” geht es abwechselnd über Landschaften und an Küsten und “Die Halbinsel” hat von allen etwas dabei. Aufgeteilt sind diese in fünf Ebenen. Sobald man die erste Ebene bei allen fünf Strecken durchlaufen hat, schaltet man die zweite Ebene frei, die nach der Ziellinie der ersten Ebene weiterführt. Und das geht immer so weiter. Dadurch werden die Strecken immer länger und auch schwieriger. Zudem gibt es im Laufe der Strecken Abspaltungen, bei denen man sich früh genug für eine Richtung entscheiden muss, da man ansonsten das Spiel etwas verwirrt. Einige dieser Wege sind sogar eine schlechte Wahl und kosten wertvolle Zeit.

Bei illegalen Straßenrennen startet man immer auf dem letzten Platz. Das HUD stellt ein Motorrad-Cockpit dar, je nach Typ ein kaputtes oder ein schickes. Nach Bedarf gibt es auch ein schlankes HUD. Die Balken links und rechts sind Stabilitätsbalken, links die des eigenen Fahrers, rechts die des nächstgelegenen gegnerischen Fahrers, dessen Distanz darüber entweder rot oder grün gezeigt wird, je nachdem, wo dieser sich gerade befindet. Auf sichtbare Beschädigungen muss verzichtet werden, nicht aber auf physikalische. Dargestellt wird er in Form eines Balkens in der Mitte des HUD. Sobald dieser leer ist, gilt das Motorrad als schrottreif. Das hat hohe Reparaturkosten zur Folge.

Neben den teilweise engen Straßen und den “Rashern” genannten Gegnern gibt es noch eine weitere Gefahr während des Rennens: die Polizei. Diese verfolgt die Teilnehmer des illegalen Straßenrennens ebenfalls mit Motorrädern, allerdings mit welchen, die schon aus Gewichtsgründen bei weitem nicht mit den Maschinen mithalten können, die dem Spieler zur Verfügung stehen. Dennoch sind diese nicht zu unterschätzen. Einmal in unmittelbarer Nähe eines Polizeibeamten einen Unfall gebaut und schon ist man gefundenes Fressen für ihn. Wird man erwischt, ist ein saftiges Bußgeld fällig. Ist das nicht zur Hand, erwartet einem die härteste Strafe, die man sich in einem Videospiel überhaupt vorstellen kann: die komplette Zurücksetzung der Karriere. Ebene 1, Startbudget und ursprüngliches Motorrad. Glücklicherweise kann man zwischen den Rennen frei speichern.

Road Rash erlaubt kaum das “normale” Voranschreiten. Früh oder später wird ein Konkurrent auftauchen und dem eigenen Charakter seine Meinung in Form von Tritten und Schlägen übermitteln. Ein Tritt katapultiert den Fahrer mit etwas Glück sehr weit in eine bestimmte Richtung, gerade in Städten kann das zu Stürzen neigen. Schläge verringern die Stabilität des Fahrers, je nach Fahrer sind dabei fünf bis neun Schläge notwendig, um den Fahrer zum sofortigen Absturz zu bewegen. Manche tragen auch Baseballschläger oder Ketten mit sich, diese ändern allerdings kaum was an der Schlagkraft. Es ist sogar möglich, diese “Waffen” von anderen zu stehlen. Das können die Gegner allerdings auch beim Spieler machen.

Durchrashen ist nicht

Zu Beginn und gerade bei den ersten Ebenen ist es noch ziemlich simpel, den Überblick und die Spur zu behalten. Kein Wunder: das eigene Vehikel schafft in der Billigklasse auch nur knapp über 160 km/h, dessen Geschwindigkeitsgefühl vom Spiel wunderbar übermittelt wird. Die “heißen Öfen” schaffen deutlich höhere Geschwindigkeiten und verfügen sogar über Nitroschub. Flott rauscht einem der Verkehr entgegen oder überholt diesen. Doch es kommt immer wieder mal vor, dass man im Geschwindigkeitsrausch doch mal die Kontrolle verliert und in ein Hindernis kracht, seien es Gegenstände am Straßenrand oder die Verkehrsfahrzeuge. Keine Sorge, der Fahrer übersteht die hart aussehenden Stürze problemlos. Selbst wenn dieser weit weg fliegt, das Motorrad kommt auf magische Art und Weise nah genug an ihn heran. Doch während des Gangs kann es passieren, dass die Gegnerschaften dies ausnutzen, den Rückweg ein wenig zu verzögern. Küsst man allerdings in Küstennähe dem Helm aufs Visier, ist die Wahrscheinlichkeit sehr niedrig, die Sattelfestigkeit wiederherzustellen. Schreckmomente passieren ebenfalls, wenn man aus Versehen noch einen Passanten “mitnimmt”, die gerne das Verkehrsgeschehen missachten.

Das Spiel ist relativ fair, da es ausreicht, das Siegertreppchen zu erreichen. Mit dem ersten Platz gibt es natürlich das maximale Preisgeld, je nach Ebene im vierstelligen Bereich (Ebene 2: $ 2000, Ebene 3: $ 3000 usw.). Für die weiteren Plätze dahinter gibt es zwar auch Geld, aber keine Qualifikation. Gerade bei den höheren Ebenen ist man froh, nach den teilweise sehr langen und harten Etappen gerade so das Siegertreppchen erreicht zu haben, denn die Kombination aus aggressiven Gegnerschaften, stärker präsenter Polizei und den Kauf eines schnelleren Motorrads erhöhen langsam aber stetig den Schwierigkeitsgrad. Ab Ebene 4 tauchen bei der Strecke “Die Halbinsel” sogar Straßensperren der Polizei auf, die besondere Vorsicht des Spielers erfordern.

Verwirrend wird die Tatsache, dass die teils 3D-gerenderten, teils gezeichneten Szenen im Menü und das Rennen fast keine Gemeinsamkeiten besitzen. Zwar haben körperliche Auseinandersetzungen mit den Gegnern Auswirkungen auf das Gespräch am Stammtisch, jedoch kriegt man kaum was von den Charakteren mit noch passen die Farben der Motorräder überhaupt zu denen in den Verkaufsräumen. Überhaupt sehen alle gleich aus, nur haben diese lediglich unterschiedliche Farben und immer zum Motorrad farblich passende Kleidung. Beim eigenen Charakter gibt es lediglich einen akustischen Unterschied. Steuert man einen männlichen Charakter, gibt es männliche Laute, bei einem weiblichen Charakter entsprechend weibliche.

Die Aufmachung des Spiels ist alles andere als normal. Das beweisen nicht nur die überdrehten Bilder mit seltsamen Perspektiven, die die Gesichter sehr eigenartig wirken lassen, sondern auch die zahlreichen Videoclips, die zu jedem Ereignis (Start, Rennen gewonnen, Rennen verloren, Unfall, von der Polizei erwischt, eine Ebene weiter) abgespielt werden. Dabei sind sämtliche Fahrer gegenseitig verfeindet, die Gewinner werden verehrt und die Verlierer werden regelrecht abgestempelt von der Gesellschaft. Und die Polizei geht hart gegen die Teilnehmer der illegalen Rennen vor. Ein eigenartiges Bild, welches die Videoclips dem Spieler vermitteln. Zum Glück nimmt es sich selber nicht ganz ernst.

Hello Moto(bike)!

Die Fachpresse kritiserte an Road Rash die bereits veraltete Grafik. Zwar ist die PC-Version von allen Varianten dieses Spiels die grafisch beste, allerdings existierten im Jahr 1996 schon grafisch anspruchsvollere Titel, die auch schon 3D-Modelle bei den Fahrzeugen anboten. Das Menü bietet lizenzierte Musik, u.a. von der Gruppe Soundgarden, während die eigentlichen Rennen nur aus ganz angenehm vor sich hin dudelnder MIDI-Musik besteht. Die Geräusche, die die Motorräder produzieren, gehen für so ein Spiel noch in Ordnung.

Dennoch gibt es hier und da Macken. Selten schweben Gegenstände in der Luft, das Wasser an der Küste stapelt sich regelrecht am Bildschirmrand und die Distanzanzeige unten in der Mitte spinnt, wenn die Strecke über 25,5km lang ist. Soundtechnisch bleiben die Motorengeräusche der Autos gerne kurz hängen, wenn sie einem entgegenkommen. Und selbst wenn der eingesetzte PC für so eine Art von Spiel eigentlich stark genug wäre, erlaubten nur die landschaftlichen Passagen Frameraten um die 60 Bilder die Sekunde. Würde man einen Rechner, der die empfohlenen Systemvoraussetzungen (Pentium 120, SVGA-Grafikkarte mit mindestens 2 MB VRAM) gerade so erfüllt, einsetzen, sähe das Ergebnis noch schlechter aus. Spätestens die Kisten, die ungefähr drei oder vier Jahre nach dem Spiel erschienen, sind stark genug für durchgehende 60fps.

1998 erschien Road Rash als Budget-Version bei Green Pepper. Einerseits “glänzt” diese Version mit Screenshots von Road Rash 3D, welches nur für die PlayStation erschienen ist, andererseits fehlen die Grafiken der Charaktere. Besitzer dieser Version wissen also nicht, wie die völlig abgedrehten Charaktere aussehen. Kann man auf der einen Seite gut finden, auf der anderen Seite wirkt das wahnsinnig leer, öde und langweilig. Sowohl das Original als auch die Green-Pepper-Version haben die gleiche Altersfreigabe.

Die Sache hat Hand und Fuß

Am Ziel möchte man alle mitreißen

Wer Zweirad-Action auf dem PC sucht, hat mit Road Rash definitiv einen lohnenswerten Kandidaten auf dem Schirm. Das tolle Geschwindigkeitsgefühl der Motorräder und der leichte Einstieg ins Spiel wird ergänzt durch die Möglichkeit, den Mitstreitern eins auszuwischen. Auch wenn die wenigen Strecken durchaus Abwechslung bieten, zieht sich der Verlauf irgendwann wie Kaugummi. Zudem erhöht sich der Schwierigkeitsgrad langsam aber stetig. Wer mit dem abgedrehten Setting in Form von gnadenlosen Videosequenzen, merkwürdig geformten Gesichtern und aggressiven “Rashern” was anfangen kann, darf sich gerne auf dem Sattel platzieren und losdüsen.


Testsystem

Betriebssystem:Microsoft Windows 98 SE (Second Edition)
Prozessor:Intel Pentium II 350
Grafikkarte:3dfx Voodoo 3 3000 AGP
Soundkarte:Creative SoundBlaster Live! Value CT4670
Festplatte:Samsung SpinPoint SV4084H (40GB)
Arbeitsspeicher:256 MB SDRAM

Daten zum Spiel

Titel:Road Rash
Erscheinungsdatum:1996
Entwickler:Papyrus Design Group
Publisher:Electronic Arts
System:3DO, PlayStation, SEGA Saturn, Windows

Kevin Puschak

Er schreibt seit 2017 über Videospiele, betreibt einen YouTube-Kanal für alte Software und Hardware, sammelt Technik und Spiele und spricht als Co-Moderator bei QUICK-LOAD. Kontaktiere ihn per Mail unter kevin.puschak@quick-save.de.

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