Speedboat Raser Europa • Im Speedboat in Seenot

Mit Speedboat Raser Europa stürzt sich Davilex mit der Raser-Reihe ins kalte Nass mit Speedboat-Rennen quer durch enge Wasserstraßen. Wir haben dieses Wrack nach 20 Jahren an Land geholt.


Die Vorderseite der Packung der deutschen Version

Lange Zeit hatte die niederländische Spieleschmiede Davilex mit der Raser-Reihe (Autobahn Raser, Urlaubs Raser, Europa Raser) zwar keine kritische, aber verkaufstechnische Erfolge erzielen können. Illegale Straßenrennen mit dubioser Physik und idiotensicherem Einstieg waren das Erfolgsrezept. Mit Speedboat Raser Europa erschien Ende März 2001 allerdings ein Teil, der zwar auch Rennen anbot ‒ aber auf Wasserstraßen.

Das Europa im Spiel erstreckt sich über drei Ortschaften: Amsterdam, London und Venedig. Dabei geht es nicht nur durch die großen, sondern auch durch die vielen kleinen anliegenden Kanäle, die nur mit viel Geschick manövriert werden können. Nebenbei kann man sich sattsehen „an bekannten Sehenswürdigkeiten wie der Rialto-Brücke, dem Rijksmuseum oder [dem] Big Ben […]“. Selbst wenn das Cover ein illegales Rennen anmutet, wirklich illegal scheint das ganze nicht zu wirken.

Das Gespenst von Kenterville

In Amsterdam sind wir unserem Gegner dicht auf den Versen.

Das Menü begrüßt uns mit einem Schiebeteil, welches sich bei jedem Wechsel zum anderen Menü bemerktbar macht. Gerade im Optionsmenü ist das besonders nervig. Als würde man sich in Grand Theft Auto: San Andreas umziehen. Die Grafikeinstellungen werden sogar unter Windows vorgenommen und nicht im Spiel. Zum Spiel geht es über drei Spielmodi (Meisterschaft, Quick-Race und Sightseeing), gefolgt von einer Auswahl des Gebietes und des Charakters. Die insgesamt zehn Charaktere haben jeweils ihr eigenes Boot mit Eigenschaften von schlecht bis gut.

Wird die Meisterschaft ausgewählt, müssen die Gebiete freigeschaltet werden, weshalb sich nicht alle auswählen lassen. Selbiges gilt für die Charaktere. Pro Gebiet kann man mit nur einem Charakter fahren, ein Wechsel mittendrin ist nicht möglich. Es müssen vier Rennen gegen fünf Kontrahenten bestritten werden, die auf einem festgelegten Kurs im jeweiligen Gebiet stattfinden. Drei Runden gilt es zu meistern. Am Ende jedes Rennens werden Punkte zusammengezählt, das heißt man muss nicht bei jedem Rennen auf dem ersten Platz landen. Der Fahrer mit der höchsten Punktzahl gewinnt am Ende und schaltet ein Boot sowie ein Gebiet frei.

Im Modus „Quick-Race“ können die Gebiete, Strecken und Charaktere beliebig ausgewählt werden, sofern sie in der Meisterschaft freigespielt wurden. Was ich bisher in keinem Spiel der Raser-Reihe gesehen habe, ist sowas wie der „Sightseeing“-Modus. Hier kann sogar unabhängig davon, wie viele Gebiete in der Meisterschaft freigespielt wurden, jedes Gebiet frei und komplett mit einem Charakter erkundet werden. Quasi ein Freifahrt-Modus.

Der Bug ist vorne

Sobald Torpedos zum Einsatz kommen, wackelt das Boot und wabbelt das Wasser

Begleitet von eher langweilig daher stampfender Hintergrundmusik startet das Rennen in der wabbelig vor sich hin bewegenden Masse, die offensichtlich Wasser sein soll. Bei jeder Strecke führt der Ablauf nicht nur durch die großen breiten Wasserstraßen, die einen viel Freiraum bei der Bewegung bieten, sondern auch durch teilweise sehr enge und kurvige Kanäle und kleinere Wasserstraßen. Dabei kann sehr gut beobachtet werden, wie die KI an engen Kurven scheitert und dauernd gegen eine Wand knallt. Besonders, wenn es unter eine Brücke mit schmaler Durchfahrt geht.

Damit die Rennen noch ein wenig abwechslungsreicher werden, sind auf der Strecke Waffen und Powerups platziert. Nicht nur wir können sie einsetzen, sondern auch unsere Gegner. Waffentechnisch gibt es Raketen, die im Handbuch als „Torpedo“ bezeichnet werden, dabei gibt es eine zielsuchende und drei normale, die eigenständig ausgerichtet werden müssen. Sammelt man Minen ein, kann man diese hinter sich auf der Wasseroberfläche ablegen und der Gegner muss diese bloß erwischen. Bei den Powerups gibt es einen Turbo für einen kurzzeitigen Geschwindigkeitsschub und eine Sprungfeder. Ein Fragezeichen lässt eines der eben genannten Boni in seiner Ausrüstung auftauchen. Es gibt zudem die Möglichkeit, den eingesammelten Bonus abzuwerfen, falls man diesen nicht möchte.

Der Einsatz der Waffen sollte gut überlegt sein. Gerade in engen Kanälen stürzt man nicht nur die KI mit ins Verderben. Und die zielsuchenden Torpedos sind nicht immer zuverlässig bei der Suche ihrer Beute. Sobald man von einen dieser Waffen erwischt wird, wellt sich das Wasser physikalisch eigenartig und das Boot kentert. Jedoch sind die Boote so robust gebaut, dass diese sich automatisch wieder aufrichten. Zwar kostet das Aufrichten viel Zeit, aber es ist allemal besser als in der Realität, wo das Rennen sogar deshalb vorbei sein könnte.

Die Rennen finden überwiegend tagsüber statt. Manchmal gibt es aber auch Kurse, die spätabends oder zur Dämmerung bewältigt werden müssen. Sofern die Weitsicht es erlaubt, fährt man an matschiger, aber doch recht nett anzusehender Szenerie vorbei. Vorbei an Pappmenschen, vorbei an scharfkantigen Häusern, vorbei an dutzenden Citroen ZX. Ja wirklich, die Leute haben nichts anderes als Citroen ZX als Privatfahrzeug. Immerhin in verschiedenen Farbvariationen.

Verwirrend wird es bei der Frage: haben wir hier offiziell angemeldete Bootsrennen oder gar illegale? Einige Richtungspfeile und jubelnde Menschen am Beckenrand bestätigen eine legale Sache, dem widersprechen jedoch hin und wieder vorbeisausende Wasserfahrzeuge, die nicht Teil des Rennens sind, sowie fehlende Absperrungen. Gerade diese Tatsache kann bei der Streckenführung ein wenig verwirren. Und wer versuchen möchte, die nicht am Rennen teilnehmenden Boote vom Weg zu drängen, sollte diesen Gedanken schnell verwerfen, denn diese Fahrzeuge interessieren sich nicht für Angriffe.

Raser ahoi!

„Die Kurve kratzen“ nehmen die Gegner gerne wortwörtlich.

Über das nervige Menü haben wir gesprochen, genauso über die doch eher eintönige Musikbegleitung. Grafisch zeigt sich Speedboat Raser Europa für seine Zeit recht unspektakulär. Die Wabbelphysik des Wassers wirkt bei weitem nicht so toll wie sie sollte und bewegt sich unheimlich. Wenigstens hat man es irgendwie bewegen können. Erschreckend ist die recht kurze Weitsicht, besonders beim großen Gewässer, die selbst in der höchsten Detaileinstellung winzig ist. Da boten Spiele aus der gleichen Zeit schon deutlich mehr. Auch die Charaktere, von denen einige ein paar Anleihen aus vorigen Raser-Spielen besitzen, sehen grauenhaft aus. Zum Glück sieht man diese nur bei der Auswahl und bei der Pokalverleihung.

Die Wasserfahrzeuge lassen sich idiotensicher steuern, aber selbst in engen Kurven ist bei der guten Steuerungseigenschaft viel Kraft und viel Bremsen notwendig, um vernünftig manövrieren zu können. Während die Unterschiede bei den drei Eigenschaften Speed, Beschleunigung und Steuerung zwischen schlechter und mittlerer Eigenschaft minimal sind, sind diese spätestens bei guter Eigenschaft spürbarer. Der Speed beträgt bei „schlecht“ etwa 90 und wird mit jeder Stufe um 10 schneller. Warum hier die Einheit fehlt? Das Spiel schweigt sich über diese aus. Was außerdem ulkig ist: es gibt kein Boot, wo alle Eigenschaften gut sind. Damit ist selbst das beste Speedboat nicht perfekt.

Wie bereits erwähnt gibt es keinerlei Streckenbegrenzungen, der Spieler kann also auch außerhalb der Strecke fahren. Eine Minimap oben rechts zeigt den Streckenverlauf mit einer roten Markierung. Die Orientierung daran funktioniert sehr gut und macht den Pfeil, der die ungefähre Richtung zum nächsten Checkpoint zeigt, geradezu obsolet. Manchmal gibt es auch Abzweigungen und damit mehrere Wege, von denen einige das Prädikat „Abkürzung“ wahrlich nicht verdient haben. Macht man eine Pause, sieht man die komplette Karte. London ist von den ganzen Gebieten gesehen das langweiligste. Neben dem großen Gewässer gibt es nur ein paar engere Tunnelfahrten. Amsterdam bietet eine gesunde Mischung aus großen Gewässern und kleinen schmalen Kanälen. Und Venedig ist durch die sehr vielen schmalen Kanäle die Königsdisziplin.

Technisch lief das Spiel über den gesamten Testzeitraum problemlos. Nur die Ladezeiten der einzelnen Strecken war unverständlicherweise sehr unterschiedlich. Teilweise waren diese sehr kurz, teilweise aber auch verhältnismäßig lang. Ganz selten kam es vor, dass sich der Ladebalken für die nächste Strecke sich etwas Zeit gelassen hat, um zu erscheinen. Während das Spiel auf dem Testsystem mit 800×600 Pixel überwiegend flüssig lief, gab es bei 1024×768 Pixel stellenweise Frameeinbrüche. Das Spiel hat dem Testsystem automatisch die höchstmöglichen Detaileinstellungen verliehen.

Käpt‘n? Wir sinken!

Auch spätabends bleiben die Kanalstraßen nicht ruhig.

Speedboat Raser Europa stellt ein interessantes Spin-Off der Raser-Reihe von Davilex dar. Die Raser-Crew setzt sich ans Steuer von Motorbooten und gleitet durch große und enge Gewässer quer durch europäische Städte. Mit Torpedos und Minen ist es eine regelrechte Freude, die gegnerischen Kapitäne zum Kentern zu bringen, selbst wenn wegen des fehlenden Schadensmodells daraus kein Wrack wird. Ein wenig mehr Herausforderung, eine hübschere Weitsicht und eine wesentlich intelligentere KI hätten aus dem Raser-Teil auf Wasser ein Traumschiff machen können.


Testsystem

Betriebssystem:Microsoft Windows Millenium Edition
Prozessor:AMD Athlon 1000
Grafikkarte:3dfx Voodoo5 5500
Soundkarte:Creative SoundBlaster Live! X Gamer CT4760
Festplatte:Western Digital WDC WD400BB 40 GB
Arbeitsspeicher:384 MB SDRAM

Daten zum Spiel

Titel:Speedboat Raser Europa
Erscheinungsdatum:30. März 2001
Entwickler:Lost Boys Games
Publisher:Davilex Games
System:Windows

eason testing

Kevin Puschak

Er schreibt seit 2017 über Videospiele, betreibt einen YouTube-Kanal für alte Software und Hardware, sammelt Technik und Spiele und spricht als Co-Moderator bei QUICK-LOAD. Kontaktiere ihn per Mail unter kevin.puschak@quick-save.de.

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