SlipSpeed • Verpixelte Rutschpartie

Ein DOS-Spiel im Jahr 2020: Bitmap Soft gleitet mit SlipSpeed durch einen Pixelbrei voller eckiger Rennkurse. Wir haben es uns angesehen – natürlich auf einem alten Rechner.


Die große Zeit der PC-Spiele für DOS ist seit 1997 vorbei, die großen Titel danach fanden mit Windows ihre zukunftsfähige Basis. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass wir inzwischen im 21. Jahrhundert sind und uns eine Retrowelle erwischt hat. Ein brandneues Spiel für DOS ist da eine gern gesehene Perle. Die 2019 gegründete Softwareschmiede Bitmap Soft hat es sich zur Aufgabe gesetzt, für obsolete Spielekonsolen oder Heimcomputer wie Commodore 64, ZX Spectrum oder Atari 2600 Spiele zu veröffentlichen. Mit SlipSpeed erschien im letzten Jahr deren erste Titel für IBM-kompatible Rechner.

Obwohl es sich um ein Rennspiel handelt, hat es eine Story, die im Jahr 2220 spielt. In dem Jahr sind jegliche Arten von Sport verboten. Doch eine Gruppe von rennsüchtigen Adrenalinjunkies hat sich zusammengefudnen, um mit illegal modifizierten Fahrzeugen Straßenrennen rund um den Globus zu veranstalten. Die Vollversion bietet vier Gebiete mit jeweils vier Strecken. Zudem gibt es acht Düsenfahrzeuge mit Schubtrieb und unterschiedlich starken Eigenschaften in den Gebieten Beschleunigung, Geschwindigkeit, Wendigkeit und Aufprall.

Hier lang, da lang, überall lang

Die Strecke „Blenc“. Rechts ist eine Abkürzung zu sehen.

Zwei Spielmodi werden angeboten: Zeitfahren und Grand Prix. Während man sich im „Zeitfahren“ die Strecken näher ansehen kann, um alle Ecken und Kanten besser einzuschätzen, tritt man bei „Grand Prix“ gegen sieben Kontrahenten an, um in einem Gebiet um den Sieg zu kämpfen. Jedes Rennen hat dabei immer drei Runden und kann in drei Schwierigkeitsgraden bestritten werden. Während des Renngeschehens können Dollarsymbole eingesammelt werden, um die Eigenschaften zu verbessern. Ein Dollarsymbol entspricht $100. Mit jedem erfolgten Upgrade steigt der Preis.

Jede Strecke könnte man problemlos in einem Jump&Run verwenden, wobei wir hier alles in der Vogelperspektive haben. Einige Kurven sind daher ziemlich haarig und nur mit etwas Beherrschung der Steuerung unfallfrei zu schaffen, einige wurden wiederum sehr großzügig gestaltet. Auf einigen Kursen wird sogar ein voriger Streckenabschnitt durchkreuzt und birgt die Gefahr einer Kollision mit langsamen Fahrzeugen. Glücklicherweise gibt es kein Schadensmodell.

Laut den Machern gibt es in jedem Kurs Abkürzungen. Manche sind ersichtlich, manche nur schwer zu finden. Wer diese gut ausnutzt, kann den Gegnern durchaus weit voraus sein. Vorausgesetzt, man trifft nicht unbedingt auf wahnsinnig enge Stellen, die gerne auch von der Gegnerschaft ausgenutzt werden, was in einem hoffnungslosen Chaos endet. Apropos „hoffnungsloses Chaos“: selbst die Gegner fahren nicht perfekt und knallen genauso oft in die Ecken rein wie ein Spieler. Das vermittelt ein Gefühl einer fast schon menschlich wirkenden KI.

Wie es bei Rennspielen üblich ist, ist das Gedränge zu Beginn chaotisch. Davon ist auch SlipSpeed nicht verschont geblieben. Plötzlich kommt eine Kurve und alle reißen das Ruder herum. Das kann einen durchaus weit zurückschleudern. Gerade im höchsten Schwierigkeitsgrad ist es schwierig, mit den Gegnern mitzuhalten. Die beiden unteren Schwierigkeitsgrade sind dagegen mehr als beherrschbar. Und dank eines Punktesystems muss man nicht auf allen Strecken auf dem Siegertreppchen sein, um am Ende zu gewinnen.

Schlittern für Geschwindigkeit

Die Strecke „Damnsel“. Hier gibt es Querverkehr.

Die Steuerung der Fahrzeuge erfordert wie bereits erwähnt ein wenig Übung. Das Fahrzeug kann sich um 360° drehen und erlaubt damit präzises Lenken. Nach jedem Rennen können die Fahreigenschaften um max. 19 Punkte verbessert werden. Es stehen allerdings schon vorab Fahrzeuge zur Auswahl, deren Eigenschaften schon unterschiedlich aufgebessert wurden. Manche bieten eine Balance aus allen Eigenschaften und manche wurden in einer Eigenschaft besonders gut ausgebaut. Es gab für mich allerdings keine Gelegenheit, bei allen Eigenschaften das Maximum auszureizen.

Während die Eigenschaften Beschleunigung, Geschwindigkeit und Wendigkeit sich nach der Aufrüstung deutlich bemerkbar machten, war das beim Aufprall nicht sonderlich gut spürbar. Die Upgrades lohnen sich definitiv, denn die Gegner haben scheinbar keine Lust auf Aufrüstung. Gut, sie können uns auch nicht die Geldsymbole stehlen, die auf den Strecken verteilt sind.

Alle 16 Kurse bieten eine gute Abwechslung. Manche sind sehr gemütlich und wenig kurvenreich gestaltet, manche bringen einen schon ins Schwitzen vor lauter Abbiegemöglichkeiten. Gerade die Kurse des ersten Gebiets „Old Earth“ sind besonders aufwendig gestaltet worden und zählen zu den Highlights. Im Gebiet „Weird“ erwartet dem Spieler sogar eine Karte mit einer offensichtlichen Anlehnung an Super Mario. Zudem beinhaltet das Gebiet „Weird“ die einzige Strecke des gesamten Spiels ohne Geldsymbole.

Eine Begleitung durch die Vergangenheit

Der Packungsinhalt der Deluxe Collectors Edition

SlipSpeed bedient sich reichlich an Methoden damaliger Zeiten. Grafisch- sowie soundtechnisch wirkt es wie ein knuffiges DOS-Spiel, welches Mitte der 90er erschienen sein könnte. Mit ca. 1,10MB belegt es nicht viel Speicherplatz auf der Festplatte. Und das Spiel funktioniert hervorragend auf älteren Systemen mit DOS. Grundsätzlich empfhielt die Packung ein Pentium-System, worauf das Spiel sehr flüssig lief. Mindestvoraussetzung ist allerdings ein 486DX, darauf läuft das Spiel nicht ganz flüssig, aber dennoch mehr als spielbar. Man muss sich jedoch auf lange Ladezeiten einstellen. In beiden Systemen war eine Sound-Blaster(-kompatible) Karte installiert und diese wurden automatisch erkannt.

Die Macher bieten das Spiel in drei Formen an. Auf der Itch.io-Seite wird eine Shareware-Version sowohl für neuere Windows-Systeme (im Bundle mit DOSbox) als auch für MS-DOS-Systeme angeboten, womit man nur das erste Gebiet spielen kann. Die Vollversion in digitaler Form für $7.00 wird ebenfalls für beide Systeme angeboten, nur mit dem Unterschied, dass hier alle Gebiete dabei sind.

Auf der offiziellen Seite wird die Deluxe Collectors Edition für £25.00 verkauft, die aus einer kleinen zweiteiligen Box mit einer 3,5“-Diskette, einer CD mit dem Soundtrack, einer Anleitung, einem Badge, zwei Stickern und einem A4-Poster besteht. Auf der Diskette befindet sich lediglich ein Entpacker, der die Dateien auf die Festplatte kopiert, auf ein schickes Installierprogramm wurde verzichtet. Leider wurde die sehr dünne Anleitung in die Packung gequetscht, sie passt geradeso noch rein. In ihr sind die einzelnen Strecken beschrieben.

Das Spiel hat sich kaum technische Patzer geleistet. Es zählt zu einen der wenigen Spiele, die den MS-DOS-Modus unter Windows 95 tolerieren. Da mein Pentium-System gerne die Macke hat, im Laufe der Zeit einige Einfrierungen des Bildes zu produzieren, stieß ich auch bei diesem Spiel auf dieses Problem. Bis zum Ende des Rennens verschwand dabei der Soundeffekt für die Fahrzeuge. Am Ende jedes Rennens werden die eingesammelten Geldsymbole gezählt, selbst die Anzeige war nicht immer korrekt. Abstürze gab es keine.

Lasst euch das nicht entgleiten!

Die Strecke „Circuit“. Hoffentlich hat(te) Nintendo nichts daran auszusetzen.

Kein DRM-Zwang, kein riesiger Download, Grafik und Sound auf dem Stand der 90er Jahre: SlipSpeed vermittelt den perfekten Eindruck eines knuffigen kleinen DOS-Rennspiels aus vergangenen Tagen. Für die kleine Partie zwischendurch macht das Gleiten durch die eckigen pixeligen Gegenden jede Menge Spaß. Ein Mehrspielermodus oder etwas zum Freischalten hätte dieser Perle noch die Krone aufgesetzt, aber alleine der Gedanke, vor sich ein DOS-Spiel aus dem Jahr 2020 zu haben, genügt vollkommen, um diese Schlitterpartie nicht davonkommen zu lassen.


Testsystem

Betriebssystem:Microsoft Windows 95a
Prozessor:Intel Pentium-S 133
Grafikkarte:Matrox Millenium MGA-2064W
Soundkarte:Creative SoundBlaster AWE64G CT4390
Festplatte:Quantum Fireball SE2.1A
Arbeitsspeicher:64 MB EDO-RAM

Daten zum Spiel

Titel:SlipSpeed
Erscheinungsdatum:16. April 2020
Entwickler:Voxel
Publisher:Bitmap Soft
System:DOS

Kevin Puschak

Er schreibt seit 2017 über Videospiele, betreibt einen YouTube-Kanal für alte Software und Hardware, sammelt Technik und Spiele und spricht als Co-Moderator bei QUICK-LOAD. Kontaktiere ihn per Mail unter kevin.puschak@quick-save.de.

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