Nerve • Spieler oder Zuschauer?

„Du musst auch mal ein Risiko eingehen“. — Und plötzlich befindet sich Vee in einem Mobile Game wieder, das nicht nur Teil ihres realen Lebens wird, sondern dieses auch bedroht. Keine Server, keine Regeln und keine Möglichkeit dem Spiel zu entkommen. Jeder Spieler ist den Entscheidungen der Community schutzlos ausgeliefert.


Der Techno-Thriller Nerve ist ein us-amerikanischer Film, der 2016 unter der Regie von Henry Joost und Ariel Schulman entstanden ist. Er basiert auf dem gleichnamigen Roman der Autorin Jeanne Ryan. Nach der Premiere am 12. Juli 2016 war der Film US-weit ab dem 27. Juli 2016 in den Kinos zu sehen. In Deutschland wurde er am 08. September 2016 erstmals gezeigt. Neben digitalen Kaufoptionen ist er auch als DVD und Blu-ray erhältlich. Des Weiteren ist er Teil von Amazon Prime Video.

Venus „Vee“ Delmonico (Emma Roberts) lebt gemeinsam mit ihrer Mutter Nancy (Juliette Lewis) in einem kleinen Apartment auf Staten Island. Sie besucht die Abschlussklasse der dortigen Highschool und plant, danach das California Institute of the Arts zu besuchen. Allerdings traut sie sich nicht, ihrer Mutter von ihren Plänen zu erzählen, da es sich um ein teures College handelt und sie noch immer um ihren Bruder trauert, der kurz nach seinem Abschluss starb.

In der Schule ist sie als Fotografin für die Bilder im Jahrbuch verantwortlich, nutzt diese Gelegenheit aber auch aus, der High-School-Footballmannschaft und ihrem Schwarm J.P. (Brian Marc) nah zu sein. Unterdessen hat Vees Freundin Sydney (Emily Meade) einen neuen Trend für sich entdeckt: das Mobile Game Nerve. Die Community besteht aus Spielern und Zuschauern. Zuschauer zahlen Geld um die Spieler beobachten und an Abstimmungen teilnehmen zu können. Spieler nehmen kostenlos teil und können Geld gewinnen, in dem sie die angezeigten Herausforderungen erfüllen. Diese werden durch den Scan der Accounts und Browserverläufe des Spielers bestimmt. Alle Herausforderungen müssen vom Handy des Spielers gestreamt werden. Spieler scheiden aus, wenn sie die Herausforderung nicht erfüllen oder diese ablehnen. Außerdem verlieren den bislang gewonnenen Betrag. Das Spiel darf den Behörden nicht gemeldet werden und läuft solange bis zwei Finalisten feststehen, die dann gegeneinander antreten.

Später macht sich Sydney über die Schüchternheit ihrer Freundin lustig und fordert Vee, ganz im Stil des Onlinespiels, heraus, J.P. anzusprechen. Vee weigert sich jedoch, sodass Sydney selbst zu ihm hingeht und ihn anspricht. Infolgedessen meldet sich Vee selbst als Spielerin an um zu beweisen, dass sie ein Risiko eingehen kann. Als erste Herausforderung soll sie einen Fremden küssen und kann diese, nach einigem Zögern, erfüllen. Dieser beginnt daraufhin zu tanzen, stellt sich als Ian (Dave Franco) vor und ist selbst Spieler. Die Community entscheidet, dass beide von nun an gemeinsamen Herausforderungen erfüllen sollen. Diese sind allerdings weniger romantisch und werden zunehmend gefährlicher. Außerdem verbirgt Ian ein dunkles Geheimnis und Vee versucht die Reißleine zu ziehen, doch sie ist im Spiel gefangen.

Die Handlung ist in zwei Stränge aufgeteilt, die durchgängig und eng miteinander verwoben sind. So wird die Freundschaft, und die daraus entstehende Rivalität, zwischen Vee und Sydney thematisiert, die sich dann in den zweiten Strang, dem Online-Spiel, ausweitet. Dort steht aber dann die Beziehung zu Ian und der Umgang mit dem Spiel im Vordergrund. Im weiteren Verlauf verschwimmen diese Grenzen aber stetig.

Bestärkt wird dieser Effekt durch die ähnlich orientierten Handlungsstränge. Vee ist introvertiert und zurückhaltend, Sydney eher extrovertiert und abenteuerlustig. In der Folge daraus entsteht ein Streit, dem beide ihre ganze Energie widmen, bevor Vee in Gefahr gerät und Sydney einsichtig wird und alles gibt, um ihrer besten Freundin zu helfen. Vee und Ian, ein geheimnisvoller und attraktiver Mann, treffen sich zufällig und entwickeln Gefühle für den anderen. Doch Ian verbirgt ein Geheimnis und erschüttert die Beziehung, bevor sich die Situation aufklärt.
Beide Stränge sind klassische, häufig genutzte Motive. Deswegen ist der Handlungsrahmen, für sich betrachtet, nicht besonders sehenswert, grenzt aber die Zielgruppe ein und schafft für den Zuschauer eine bekannte Grundlage.

Zu diesem Zweck ist die inhaltliche Thematik essenziell wichtig. Nerve ist ein Onlinespiel, das Daten von sämtlichen Accounts sammelt, um das persönliche Profil mit Informationen zum Spieler zu füttern und das Spiel interessant zu machen. Anhand der Daten können Abneigungen und Ängste gegen den Spieler verwendet werden und so den Schwierigkeitsgrad des Spiels erhöhen. Gleichzeitig gibt es weder einen Server, auf dem das Spiel liegt, noch jemanden, der aktiv ins Geschehen eingreift, solange niemand das Spiel den Behörden gemeldet hat. Jegliche Entscheidungen zu den Herausforderungen werden von den Zuschauern getroffen, die an Abstimmungen teilnehmen und so demokratisch wählen können.
Das Spiel testet so die Grenzen der Teilnehmer aus. Welche Hürden nehmen Menschen für einen bestimmten Geldbetrag auf sich? Infolgedessen stellen sich aber grundlegende Fragen zum gesellschaftlichen Zusammenleben. Welchen Wert hat Geld und inwiefern kann Geld unsere Moral und unseren Sinn für Gerechtigkeit beeinflussen. Und was ist das richtige Verhältnis zwischen Kontrolle und Freiheit?

Während die ersten Szenen in der Schule und im Restaurant noch tagsüber spielen, finden sämtliche Aktionen rund um Nerve in der Nacht statt. Dort verschwinden die Zuschauer in der Anonymität der Dunkelheit. Im Gegensatz dazu werden die Spieler mit kräftigen, bunten Tags markiert, sodass sie sich von der Masse absetzen und dem Spielziel entsprechend auffallen und die Aufmerksamkeit auf sich ziehen können.

Die Geschichte wird fortlaufend ohne Rückblenden und Zeitsprünge erzählt, sodass eine Dynamik entsteht, die dem Inhalt entsprechend angepasst werden kann, ohne den Handlungsfluss zu unterbrechen.  Häufige Szenenwechsel und impulsive musikalische Untermalung unterstreichen schnelle Handlungsabläufe. In den langsameren Passagen, vor allem während der Dialoge, finden sich oft halbnahe oder nahe Aufnahmen.

Offensichtlich ist, dass der Handlungsstrang um das Onlinespiel ein extremes Beispiel darstellt. Die Behörden unternehmen nichts gegen ein Spiel, in dem das Leben von Menschen potenziell gefährdet ist. Auch das Abgreifen der persönlichen Daten ist nicht derart einfach wie es im Film dargestellt wird, zumal es sich auch vergleichsweise einfach umgehen ließe. Nichtsdestoweniger würden persönliche Ängste dann spätestens von der Zuschauer-Community erkannt und in den Abstimmungen vorgeschlagen werden. Diese ist aber unglaubwürdig hoch, da für 24 Stunden ein Betrag von knapp 20 Dollar gezahlt werden muss. Außerdem findet sich eine Vielzahl davon zum Finale auf Staten Island wieder, ohne dass jemand diesen auffälligen Sachverhalt meldet. Erst das Vortäuschen eines staatlichen Eingriffs beendet das Spiel.Insgesamt macht der Film einen ordentlichen Eindruck. Die Charaktere sind gut ausgestaltet und werden überzeugend dargestellt, wenngleich die Handlung auf einem klassischen, klischeebehafteten Teenie-Drama basiert. Setting und technische Umsetzung unterstreichen die Thematik, die ihrerseits etwas überzeichnet ist und einen Extremfall darstellt. Gerechtfertigt wird das jedoch durch die grundsätzlichen Fragen, die dem Zuschauer auf diese Weise gestellt werden. Er wird implizit angewiesen, seinen Umgang mit Daten und Informationen, aber auch die gesellschaftliche Gratwanderung zwischen Kontrolle und Freiheit zu überdenken.
Letztlich taugt der Film weniger zur Unterhaltung, vielmehr skizziert er ein potenziell realistisches Szenario, das wichtige Fragen aufwirft, die den Zuschauer über den Film hinaus, bis ins reale Leben, beschäftigen sollen.

Quellen: IMDb
Bildquellen: Lionsgate


Titel: Nerve
Dt. Erstvorführung: 08.09.2016
Produktionsfirma: Allison Shearmur Productions, Keep Your Head Productions, Supermarche
Regie: Henry Joost, Ariel Schulman
Darsteller (Auswahl): Emma Roberts, Dave Franco, Emily Meade
Spieldauer: 96 min
Streamen: Amazon¹
Kaufen: Google PlaySaturn

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Sven

schreibt vorwiegend über Videospiele, Technik und Veranstaltungen, sammelt Spiele und spricht als Co-Moderator bei QUICK-LOAD.

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