Auf dem Weg nach Europa • Mehrspieler-Spaß mit Flaggen?

Vielleicht war die FDP schon 1990 ein wenig auf dem Pfad der Digitalisierung unterwegs. Zumindest hat das Auswärtige Amt damals unter Minister Hans-Dietrich Genscher mit „Auf dem Weg nach Europa“ ein Werbe- und Lernspiel entwickeln lassen, das entfernt an eine interaktive Heimversion aus Schlag den Raab und Monopoly erinnert. Bis zu vier Spieler gleichzeitig können an einer virtuelle Reise durch die damals nur zwölf Mitgliedsstaaten der Europäischen Union teilnehmen und versuchen, so viele wertvolle Souvenirs wie möglich zu sammeln.


„Auf dem Weg nach Europa“, ein Titel, der nicht typischer nach Lernspiel klingen könnte wurde 1990 vom Auswärtigen Amt auf einer einzelnen 3,5″-Diskette erstmals veröffentlicht. Bis 1995 sind verbesserte Versionen durch den Bonner Entwickler GLAMUS produziert worden. Die Firma arbeitet bis heute in diesem Bereich und entwickelt neben webbasierten Lernspielen auch den Wahl-o-Mat sowie seinen kommunalen Ableger, den Lokal-o-Mat. Das Kopieren der Disketteninhalte ist zum Zweck der Verbreitung ausdrücklich erlaubt.

Auf dem Weg nach Europa: Karte

Die Installation funktioniert einfach durch Start der Anwendung von der Diskette, die die Spieldateien ins das gewünschte Verzeichnis kopiert. Mit dem Befehl „EURO“ kann aus dem Spielverzeichnis gestartet werden. Das Programm führt eine kurze Prüfung der Dateien auf Modifikationen durch und startet direkt ins Menü. Je nach Einstellung wird nun die europäische Hymne auf den PC-Lautsprechern oder über den Audioausgang der Soundkarte ausgegeben. Diese wiederholt in einer Dauerschleife solange bis die Einstellungsoptionen verlassen worden sind.
Zuerst prüft das Spiel, ob eine Maus angeschlossen ist. Erkennt das Spiel keine Maus, so wird eine alternative Tastatursteuerung vorgeschlagen. Danach kann der Spieler eine Sprache auswählen, seinen Namen eingeben und ein Startland auswählen, bevor gegebenenfalls weitere Spieler hinzugefügt werden können. Jeder Spieler kann dabei die Sprache für seine Spielrunden selbst aussuchen. So kann auch der sprachlich nicht ganz sichere Austauschschüler aus Marseille mitspielen. Des Weiteren kann aus drei Schwierigkeitsstufen gewählt werden.

Alle Teilnehmer bekommen zu Beginn jeweils 600 ECU als Startkapital. Damit müssen sie nacheinander alle zwölf Hauptstädte besuchen und zum Abschluss noch einmal nach Brüssel reisen. Die Kosten sind von der Distanz der verschiedenen Städte abhängig. Es ist also nötig, seine Reise entsprechend zu planen, um nicht plötzlich mit leeren Taschen dazustehen. Mit der Ankunft in einer Hauptstadt wird dann zufällig ein Minispiel, im Spiel auch liebevoll Actionsequenz genannt, gestartet. In diesen Minispielen können ECU gewonnen werden um die nächsten Runden zu finanzieren. Dabei gibt es fünf verschiedene Tätigkeiten: den Spielautomaten, den Bankraub, den Aktienhandel, das Labyrinth oder das Geld vom Himmel. Bei manchen Sequenzen ist zunächst ein Einsatz zwischen einem und 500 ECU, der dann vervielfacht werden kann, während andere Sequenzen risikofrei zu frischem Bargeld führen können.

Nachdem das Minispiel abgeschlossen wurde, beginnt ein Quiz zum jeweiligen Land. Die Schwierigkeit der Fragen reicht dabei von witzig bis knifflig. Je mehr Fragen richtig beantwortet werden, desto wertvoller ist das Souvenir, das der Spieler als Belohnung erhält. Zusätzlich zu einem Gold- und Platinsouvenir gibt es noch ein kleines Taschengeld für die Weiterreise. Auf der Reise sowie während des Ratespiels spielt dabei die Hymne des jeweiligen Landes.

Die letzte Station der Reise ist noch einmal Brüssel, die dann aber nicht als Hauptstadt Belgiens, sondern als Verwaltungssitz der Europäischen Union agiert. Hier wird ein letztes Mal das Wissen der Spieler geprüft, bevor dann der Sieger basierend auf den gewonnen Souvenirs feststeht. Um ein besseres Souvenir zu bekommen, ist es auch möglich, eine Stadt mehrmals zu bereisen. Allerdings ist dafür ein ausreichender Kontostand nötig, da die Minispiele nur einmalig absolviert werden können. Ist die Weiterreise nicht mehr möglich, erhält der Spieler die Möglichkeiten, einen Joker zu einzusetzen und eine zusätzliche Actionsequenz zu spielen. Allerdings ist die Anzahl der Joker streng limitiert.

Auf dem Weg nach Europa: Labyrinth

Die Grafik des Spiels zeichnet sich durch ihre Einfachheit aus. Eine einfache Karte, simple Bildchen und Arcade-Minispiele lenken die Aufmerksamkeit der Spieler auf die soziale Interaktion und den Wettbewerb zwischen den Teilnehmern. Diese wird allerdings ständig durch die quäkende 8-Bit-Hymne unterbrochen, die spätestens beim dritten Mitspieler gehörig zu Nerven beginnt, obwohl es sich dabei eigentlich um ein nettes Feature handelt. Glücklicherweise lässt sich das patriotische Gejaule jederzeit durch Druck auf die Rollen-Taste stummschalten.

Allgemein scheint der Spielspaß eher auf das analoge Geschehen vor dem Bildschirm beschränkt zu sein. Zwar lassen sich durch die Fragen noch ein paar interessante Fakten erfahren, aber damit ist auch schon die Grenze erreicht. Der Fragenkatalog ist derart klein, dass bereits beim zweiten Mitspieler Fragen auftauchen, die dem ersten Spieler gestellt worden sind. Die nachfolgenden Spieler können somit einen Vorteil herausschlagen. Eine ungerechte Behandlung findet sich auch in den Minispielen. Diese werden zufällig ausgelost, haben aber unterschiedliche Schwierigkeiten und Entlohnungen. Das Labyrinth ist erfordert vergleichsweise viel Geschick und Erinnerungsvermögen und bietet einen maximalen Gewinn von 600 ECU, sofern alle Steine aufgesammelt werden. Am Spielautomaten kann in einer Runde ein Einsatz von 500 ECU hingegen sehr einfach vervierfacht werden, sodass sich 1.500 ECU gewinnen lassen. Ein Spiel am Automaten besteht aus drei solcher Runden. Über den Erfolg entscheidet also maßgeblich der Zufall.

Auf dem Weg nach Europa: Frage zu Benelux

Letztlich handelt es sich bei dem Spiel um einen Versuch, Bürgern auf eine spielerische Art die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union näher zu bringen. Bestenfalls eignet sich das Spiel für eine Familienrunde, sofern die Kinder noch Erprobungsstufenschüler sind. Allerdings ist das Spiel selbst dann nach spätestens einer Stunde nur noch ein Stück Geschichte. Einen Wiederspielwert gibt es nicht, da es nicht einmal einen Anreiz gibt, das Spiel überhaupt anzufassen. Die unfaire Verteilung der Minispiele und der winzige Fragenkatalog disqualifizieren dieses Spiel als Infotainment-Produkt. Und wer nicht gerade den Klängen der 8-Bit-Hymnen zugeneigt ist, ist mit einem „Quiz und Co.“ zu diesem Thema deutlich besser bedient.


Titel: Auf dem Weg nach Europa
Erscheinungsdatum: 1991, 1993, 1995
Entwickler: GLAMUS GmbH
Publisher: Auswärtiges Amt
System: PC (DOS)
Herunterladen: Werbespiel-Archiv, WalkToBrussels, Archive.org

Test-Version und -System kursiv

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